Über den Punkt und seine Macht im Bild
Wenn man über Fotografie spricht, fallen meist Begriffe wie Komposition, Raum, Licht, Linien, Farbe. Über den Punkt hingegen wird erstaunlich selten gesprochen. Vielleicht, weil er unscheinbar wirkt und im ersten Moment kaum Gewicht besitzt. Doch wer sich etwas Zeit nimmt, merkt schnell, dass er ein mächtiges Werkzeug sein kann – in der Kunstgeschichte ebenso wie im fotografischen Bild.
In seinem Buch “Punkt und Linie zu Fläche” nannte Wassily Kandinsky den Punkt „… eine kleine Welt – von allen Seiten mehr oder weniger gleichmäßig abgetrennt …“. Für ihn war er nicht bloß ein geometrisches Zeichen, sondern eine eigenständige Figur. Sobald er gesetzt wird, tritt er in Beziehung zur Fläche und erzeugt Spannung.
Je klarer ein Punkt definiert ist, desto stärker hält er den Blick fest. „Andererseits behauptet er sich fest auf seinem Platze …“, wie Kandinsky schrieb. Das klingt trocken und selbstverständlich, bis man bemerkt, was es im Bild bedeutet: Ein einziger Punkt kann eine gesamte Komposition verankern. Er kann den Betrachter lenken, bremsen, provozieren oder erziehen. Er entscheidet oft darüber, wohin das Auge zuerst wandert und wie lange es bleibt. Harald Mante beschreibt das in seinem Buch “Das Foto” so: „Ein einzelner Punkt hat in einem Bild ein absolutes Gewicht. Er beherrscht die Komposition und somit die Bildfläche“.
Die im Artikel erwähnten Bücher von Mante und Kandinsky
In der Fotografie ist der Punkt selten ein Punkt im geometrischen Sinn. Er kann eine Leuchte sein, ein rundes Fenster, die Sonne, ein Objekt, ein Mensch, ein Farbkontrast oder bloß ein winziger Akzent, der sich vom Rest abhebt.
Einige meiner Arbeiten nutzen diese Wirkung bewusst.
In meinen Bildern “Der Punkt 01” und “Der Punkt 08” bildet der Punkt den Ruhepol inmitten spiralförmiger Bewegungen. Ohne ihn wäre alles reine Dynamik – mit ihm erhält das Bild ein Zentrum und somit die beabsichtigte Bildwirkung:
Der Punkt 01 - (C) Harry Lieber
Der Punkt 08 - (C) Harry Lieber
Mein Bild “Der Punkt 03” funktioniert ähnlich, nur führt die Bewegung direkt auf einen warmen, orangefarbenen Punkt:
Der Punkt 03 - (C) Harry Lieber
Bei “Der Punkt 02” dominiert die Fläche. Der Punkt - hier einmal quadratisch - sitzt still in einem strengen, weißen Raum:
Der Punkt 02 - (C) Harry Lieber
In “Der Punkt 05” unterbricht der Punkt ein dichtes Fassadenmuster mit einem gelben Akzent – klein, aber unverzichtbar:
Der Punkt 05 - (C) Harry Lieber
In “Der Punkt 04” wird eine Lampe zum Punkt:
Der Punkt 04 - (C) Harry Lieber
“Der Punkt 06” und “Der Punkt 09” arbeiten subtiler. Hier braucht es einen zweiten Blick. Der Punkt erscheint erst verzögert, was die Wahrnehmung reizt. Der Betrachter entdeckt ihn selbst, statt ihn sofort serviert zu bekommen:
Der Punkt 06 - (C) Harry Lieber
Der Punkt 09 - (C) Harry Lieber
“Der Punkt 07” funktioniert anders als die meisten anderen. Die Linien der Architektur schießen nach oben, treffen auf harte Geometrie und strenge Symmetrie. Der runde Lampenkopf wirkt darin wie ein stiller Punkt, der die gesamte Konstruktion erdet und ausbalanciert:
Der Punkt 07 - (C) Harry Lieber
Der Punkt strukturiert. Er entscheidet über Aufmerksamkeit, Rhythmus, Gewicht und Richtung. Und obwohl er so klein sein darf, trägt er Verantwortung für das Ganze.
Vielleicht erklärt sich aus dieser Rolle heraus sein Zauber. Der Punkt ist ein Element, das wenig verspricht und viel einlösen kann.
Wie verändert sich ein Bild, wenn Du seinen Punkt einmal bewusst ignorierst?